Dienstag, 19. Mai 2009

Das Schlachtschiff

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Buchbesprechung Carey, Diane: Das Schlachtschiff. Heyne, 1986.

Story: Es war an einem lauen Frühlingsabend, als ich in das Bücherregal griff, um ein weiteres Star-Trek-Buch zu lesen und zu rezensieren. Zielsicher schnappte ich mir ein Buch mit dem Titel „Das Schlachtschiff“, das von einer Schriftstellerin namens Diane Carey verfasst wurde.
Schon bald las ich von einer jungen Frau namens Piper, die ihren Kobayashi-Maru-Test ableistete und der es fast gelang, diesen erfolgreich zu bestehen. Meine Augen folgten der jungen Offizierin auf die USS Enterprise, von wo aus es ihr allmählich gelang, einer riesigen Verschwörung auf den Grund zu kommen: Ein Vizeadmiral hatte die gesamte Sternenflotte unterwandert, um mit einer neuen Generation Schlachtkreuzer seine eigenen Herrschaftsambitionen durchzusetzen. Voller Entsetzen erfuhr ich, dass dieser Rittenhouse allen Ernstes plante, andere Völker wie Klingonen, Romulaner und Orioner mit Waffengewalt in die Föderation zu zwingen, um endlich Frieden in der Galaxis zu schaffen. Doch die Entführung der Star Empire, des Prototyps dieser neuen Schlachtkreuzerklasse, machte ihm einen dicken Strich durch die Rechnung: Sternenflottenangehörige, die die Föderation in ihrem Fortbestand bedroht sahen, griffen beherzt ein, um sich der Bedrohung zu stellen. Ich verstand schon bald, dass einer der Schiffsentführer seine frühere Beziehung zu Piper nutzen wollte, um über sie den berühmten Captain James T. Kirk für die Sache des Widerstands zu gewinnen. Doch am Ende waren Pipers eigene Fähigkeiten gefragt, um die Star Empire und ihre Besatzung, die plötzlich von einem ganzen Kampfverband angegriffen wurden, zu retten…

Lobenswerte Aspekte: Zugegeben, es gibt Textsorten wie Nacherzählungen, Rezensionen oder wissenschaftliche Arbeiten, in denen es sich nicht unbedingt anbietet, allein die Ich-Form zu verwenden. Einen gesamten Star-Trek-Roman auf diese Art und Weise zu schreiben, ist allerdings eine Herausforderung, die Carey tatsächlich meisterte. Weg von den Fesseln eines rein deskriptiven Erzählers – hin zu einem sehr persönlichen Einblick in das Leben eines unbekannten Sternenflottenoffiziers. Mit einer solchen Herangehensweise geht ebenfalls eine Atmosphäre einher, die an Folgen wie „Beförderungen“ denken lässt und eine erfrischende Perspektive bietet.
Der Roman ist spannend und informativ, und Einschübe wie die Schemata zum Aufbau von Judikative, Exekutive und Legislative der Föderation waren nicht nur interessant, sondern auch auflockernd. Einen weiteren Pluspunkt verdient sich das Buch durch kleine Skizzen der Shuttle-ähnlichen Arco-Klasse-Angriffsschlitten und der Tychoklasse-Kampfgleiter.

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Hätte Piper sich die übergeordnete Verwaltungsebene ebenfalls angesehen, hätte sie die wirkliche Reichweite der Gefahr erkannt

Daneben glänzt der Roman durch gut beschriebene Figuren, unter denen natürlich Piper die zentrale Rolle einnimmt. Sie wirkt in den vielen lebensbedrohlichen Situation menschlich, ohne auch nur für kurze Zeit übermenschlich zu erscheinen. Außerdem gelingt die Gratwanderung, dem Charakter gleichzeitig die Autorität eines Kommandooffiziers zu geben, ohne ihm die Weiblichkeit zu nehmen. Denn mal ehrlich: Spätestens seit Tasha Yar weiß der geneigte Star-Trek-Fan nur zu gut, dass sich Autorität und feminines Auftreten nur allzu oft gegenseitig ausschließen.
Ebenfalls erwähnenswert ist auch die gelungene Beschreibung der Nachwirkungen eines Treffers durch einen auf Betäubung gestellten Phaser. Die Symptome lasen sich irgendwie, als ob man gleichzeitig an den Nachwirkungen eines Monsterkaters leidet und trotzdem gegen einen Elektrozaun pinkeln würde. Man kann sich auf jeden Fall vorstellen, dass so etwas sicherlich keine angenehme Erfahrung ist.

Kritikwürdige Aspekte: Wieder einmal gab es eine ganze Reihe kleiner Unstimmigkeiten, die das Werk etwas aushebelten. So verfügt die Star Empire über Waffensysteme, gegen die selbst die der Souvereign-Klasse alt aussehen würden! Also ist es kein Wunder, dass selbst die Enterprise NCC-1701 im offenen Kampf keine Chance gegen das Schiff hätte, nicht einmal dann, wenn die Pompeji, ein Schiff der Saladin-Klasse, sie unterstützen würde. Was macht Rittenhouse also daraufhin? Diese Frage soll uns ein kleiner Auszug aus einem Gespräch zwischen Piper und dem Vulkanier Sarda beantworten:

Raumschiffe aus einem anderen Quadranten?“
Bestätigung. Die Potemkin, Lincoln und Hornet.“
Das ist außergewöhnlich, nicht wahr?“
In der Tat.“

Da kann man nur zustimmen. Selbst wenn man annimmt, dass sich zwei der Schiffe momentan im Alpha-Quadranten aufhalten, bleibt immer noch eines, dass sich im Gamma- oder Delta-Quadranten befinden muss. Noch vor der Entdeckung des bajoranischen Wurmloches und noch vor dem Verschwinden der Voyager befinden sich andere Föderationsschiffe dort! Das ist in der Tat außergewöhnlich!
Und Stichwort Sarda: Die äußere Erscheinungsform des Vulkaniers bricht, ähnlich der Tuvoks, mit dem gewohnten Bild. Unendlich Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination ist ja gut und schön, aber einen Vulkanier mit bronzefarbenem Haar und bernsteinfarben Augen bekommt man bei Star Trek definitiv nicht allzu oft zu Gesicht.
Auch mit der Figur Bomas war ich nicht sehr zufrieden, was noch nicht einmal an seiner Darstellung, sondern an der für ihn entwickelten Biografie lag. Wenn Boma, der Spock in der Episode „Notlandung der Galileo 7“ das Leben schwer machte, wirklich wegen Insubordination angeklagt worden wäre, hätten dies auch mit anderen Mitgliedern des Außenteams, wie etwa dem gleichsam aufmüpfigen McCoy geschehen müssen.
Doch das mit der Insubordination ist so eine Sache. Natürlich würden die Ereignisse um diesen föderationsinternen Putschversuch die gesamte Organisation verunsichern. Aber Carey beschreibt die Auswirkungen gerade so, als würde es sich um ein Ereignis wie 9/11 selbst, und nicht um einen coup d’etat handeln. Immerhin gab es einen ähnlichen Vorfall bereits im zuvor erschienen Buch „Das Netz der Romulaner“. Und auch wenn die Thematik der Meuterei innerhalb der Sternenflotten in der TNG-Episode „Die Verschwörung“ aufgrund der persönlichen Intervention Roddenberrys verworfen wurde, fand die Idee nach dessen Tod in „Die Front“, dem Auftakt zu einem DS9-Zweiteiler, seine Verwirklichung. Verschwörungen sind also ein ständiger Begleiter der Föderation, und es mutet tatsächlich wie eine leere Phrase an, wenn Piper behauptet „Anschließend wird nichts mehr so sein wie vorher.“ (S. 250). Volker Pispers lässt leise grüßen!
Mit einer Mischung aus Faszination und Ungläubigkeit begegnete ich schließlich Proxima, der Heimatwelt Pipers. Die zuweilen ausgiebig beschriebene Flora und Fauna ähnelte im Prinzip jener der Erde des mittleren Trias. Schon allein der Planet, der laut Memory Alpha eigentlich auf das 4,22 Lichtjahre von der Erde entfernte Alpha Centauri hinweist, ist in seiner Beschreibung als abgelegene und weit entfernte Kolonie recht widersprüchlich. Besonders starke Verwunderung löste jedoch ein Satz inmitten des Romans bei mir aus: „Überall um mich herum summten Wespen, die wir fürs Bestäuben unseres terranischen Getreides importiert hatten.“ (S. 162) Abgesehen davon, dass dort eigentlich „für das“ und nicht „fürs“ stehen sollte, habe ich mich sofort gefragt, warum man ausgerechnet Wespen dafür importierte – immerhin kann man auf später folgenden Seiten lesen, dass auch Bienen eingeführt wurden. Dann weiß natürlich jeder Mensch mit einer halbwegs gesunden Allgemeinbildung, dass Getreide windbestäubt werden, und daher nicht auf die Hilfe von Insekten angewiesen sind. Hinzu kommt, dass entsprechende Erfahrungen mit Kaninchen, Katzen und Hunden im „terranischen“ Australien die Kolonialexperten der Jahrhunderte später gegründeten Föderation davon überzeugt haben sollten, dass der Import exogener Arten in ein funktionierendes Ökosystem fatale Folgen haben kann. Erst gegen Ende ihres Werkes liefert uns die Autorin Diane Carey einen Hinweis, warum sie eine solche Vorgehensweise für erforderlich hielt: Piper verrät dem erstaunten Kirk nämlich „Auf meinem Heimatplaneten ist es fast immer windstill, Sir.“ (S. 264).
Das verändert die Sachlage natürlich vollends, ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sich Wespen, sofern es sich nicht um eine fleisch- und obstverzehrende Art handelt, nur den Nektar oder den Pflanzensaft bestimmter Gewächse als Nahrungsquelle nutzen. Windbestäuber bilden jedoch überhaupt keinen Nektar aus, und somit würde Getreide, dass von der Erde auf eine solche Welt importiert wurde, eingehen, egal wie viele Wespen man zur absehbaren Freude der Kolonisten dort aussetzt. Ich glaube auch nicht, dass die vielen Flügelschläge, die eine Wespe pro Sekunde zu erzeugen in der Lage ist, ausreichen würden, um eine ausreichende Luftbewegung zu verursachen, die das Dilemma behebt…

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Eine kleine Naturbeobachtung: wie vermehrt sich Getreide?

Zwei gestalterische Mängel hat „Das Schlachtschiff" ebenfalls vorzuweisen: Zum einen fand ich das zu stark in den schlimmen schlimmen Achtzigern verhaftete Deckblatt scheußlich und zum anderen sind die Kaptiteleinteilungen doch ungewöhnlich. Während die durchschnittliche Länge eines Kapitels ca. 20 eng beschriebene Seiten umfasst, bringt es Kapitel acht auf stolze sechzig Seiten.
Abschließend muss auch wieder die Übersetzung erwähnt werden. Natürlich gibt es Sachen, die wirklich schwer zu übersetzen sind. So kann man die Wortspiele, die Scott um den Namen Piper macht oder die tiefere Bedeutung der „Jesus-Klammer“ nur unter großen Verlusten ins Deutsche übertragen.
Ob man die Föderation wirklich als „interstellarer Völkerbund“ (S. 111) bezeichnen muss oder statt „Untertassensektion“, „Sternenbasis“ oder „Impulsgeschwindigkeit“ allen Ernstes „Diskussegment“ (S. 9), „Starbase“ (S. 14) oder „Sublichtgeschwindigkeit“ (S. 94) verwendet, habe ich bereits zur Genüge erläutert.
Ansonsten gibt es im Roman nur wenige Rechtschreibfehler wie „Prozellankiste“ (S. 101), „Computer, beginn mit der angegebenen Korrelation“ (S. 119) oder „Palko Est“ statt „Palkeo Est“ (S. 194). Auch die Tatsache, dass der Übersetzer Boris Vallejo Schiffsnamen wie „Star Empire“ „Majestic“ oder „Hornet“ unübersetzt ließ, aber Shuttles mit Übersetzungen wie „Holzschuh“, „Honigbrötchen“ (dass Schiff fällt und landet sicherlich immer mit der Oberseite) oder „Kaulquappe“ kann man als künstlerische Freiheit auslegen. Die Übersetzung ist damit zwar nicht unbedingt sonderlich gut, aber doch wenigstens nicht so schlecht wie andere.

Anachronismen: Durch die frühe Veröffentlichung des Buches im Jahr 1986 entstanden natürlich einige Abweichungen vom „offiziellen“ Zeitverlauf. So konnten beispielsweise bereits einige Informationen aus dem vierten Kinofilm „Zurück in die Gegenwart“ nicht mehr berücksichtigt werden.
Kein Wunder also, dass der Vulkanier Sarda für seine Mitarbeit an der Star Empire bezahlt wurde oder dass der Bau dieses Mega-Schlachtkreuzers Kosten verursachte. Schließlich gab es in genügend zuvor erschienenen TOS-Episoden Belege für eine auf Geld basierende Wirtschaft.
Als dann 1987 die neue Star-Trek-Serie „Das nächste Jahrhundert“ erschien, wurde bekannt, dass die neue Enterprise NCC-1701-D der Galaxy-Klasse entstammte, genau wie die Magellan, die bereits knapp einhundert Jahre zuvor der „Galaxie-Klasse“ (S. 12) angehören sollte. Auch die Holo-Technologie, die im Buch schon soweit fortgeschritten ist, dass tragbare Bilderzeugungsgeneratoren an x-beliebigen Orten eingesetzt werden können, bleibt bei TNG noch größtenteils auf das Holodeck begrenzt (zumal für so was ja auch riesige Energiemengen notwendig wären).
Sogar das Bild der Vulkanier wird in dieser Serie gewandelt. So sieht sich die Feststellung
Sardas „Vulkanier verehrten keine Götter“(S. 51) mit gegenteiligen Informationen aus der Doppelfolge „Der Schachzug“ konfrontiert.
Seine auf Menschen und Vulkanier bezogene Behauptung: „Spock wurde zum Wegbereiter echter Interaktion zwischen unseren Völkern.“ (S. 165) wird schließlich von der Enterprise-Serie widerlegt, in der T’Pol diese Vorreiterrolle einnimmt. Diese Serie rüttelt stark am Vulkanierbild, dass in Careys Buch gezeichnet wird, denn die dort propagierte Gewaltverachtung der spitzohrigen Föderationsmitglieder wird hier von ihren resoluten Vorfahren entschieden ins Reich der Legenden verwiesen. Doch bereits in der ersten Star-Trek-Serie überhaupt, die Carey gekannt haben muss, wurde in Folgen wie „Reise nach Babel“ festgehalten, dass sich die Anatomie von Vulkaniern und Menschen, im Gegensatz zu einer Bemerkung im Roman, deutlich unterscheiden.
Ein ähnliches Unbehagen entsteht, wenn man von der Gorn liest, die eine Sternenflottenuniform trägt. Wenn man von den spärlichen Informationen ausgeht, die Carey dem Leser gibt, so spielt die Handlung etwa im letzten Drittel der historischen Fünfjahresmission der USS Enterprise. Da der Erstkontakt zu den Gorn erst während dieses Einsatzes hergestellt wurde, kann man schon daran zweifeln, dass ein Gorn nach diesen Auseinandersetzungen so schnell in die Sternenflotte eintritt.

Fazit: „Das Schlachtschiff“ ist ein recht erfrischender Roman mit einer etwas ungewohnten, aber nicht abwegigen Perspektive. Durchaus spannend geschrieben und mit einer Extraausstattung versehen, die seiner Zeit weit voraus war, gelingt es dem Buch, eine kleine Sonderrolle unter den vielen Star-Trek-Büchern einzunehmen. Die Übersetzungsfehler sind überschaubar und wenn man über die vielen Anachronismen, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, hinwegsehen kann, verspricht dieses Werk durchaus unterhaltsame Stunden.

Denkwürdige Zitate:

Das ist Unsinn, völliger Unsinn! Auch ein Raumschiff lässt sich missbrauchen. Selbst die Medizin. Für alle guten Dinge gibt es immer mehr als nur eine Verwendung“ Piper, S. 99

Seit die ersten Phönizier in See stachen, verzichteten Kapitäne auf die Sympathie ihrer Untergebenen.“ Piper, S. 101

Oh, natürlich […] Und wenn ich Dich mit einem Phaser erschieße, so geben wir dem Erfinder der Strahlenwaffen die Schuld, nicht wahr!“ Piper, S. 104

Der Krieg ist eine Investition für den Frieden, Captain Kirk, ein notwendiges Opfer für das Gemeinwohl.“ Vizeadmiral Rittenhouse, S. 110

Der Ausdruck ‚bienenfleißig’ bleibt leider ohne Signifikanz für mich. […] Aber wenn Du damit andeutest, daß der Vizeadmiral im militärischen Zweig der Föderation außergewöhnlich aktiv ist, so stimme ich Dir zu.“ Sarda, S. 117

Bewertung: Ein etwas anderer Roman mit eigenem Charme.

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